Förderung bei Rechenschwäche

Was ist bei der Förderung zu beachten?

Zu beachten ist zum einen das Alter des Kindes, seine spezifischen Lernerfolgs- und Misserfolgserlebnisse im Bereich Mathematik und Rechnen. Außerdem muss nachvollzogen werden, in welchem Bereich die Probleme des Kindes am stärksten zu Tage treten und wie sie sich äußern. Am wichtigsten allerdings, sollte die Orientierung auf die Ressourcen, welche das Kind mitbringt, sein. Zudem muss man darauf achten, wie der Mathematikunterricht des Kindes abläuft und ob sich gegebenenfalls Störungen durch einen unangemessenen Unterricht entwickelt haben.

Welche Bereiche sind häufig betroffen und müssen gefördert werden?

In den ersten beiden Jahrgangsstufen ist häufig der Zahlbegriff noch nicht entwickelt. Zahlen haben im Prinzip drei Apsekte, Kardinal-, Ordnungs- und Maßzahlaspekt. Die Kardinalzahl beschreibt eine Menge, die Ordnung die Position in einer Reihenfolge und die Maßzahl ist im Prinzip eine Kardinalzahl nur mit einer Entsprechung in der „Realität“.
Als erstes wird von Kindern der Ordnungszahlaspekt eingeübt, die erfolgt zunächst über das Auswendiglernen des „Zahlwortgedichtes“. Das Kind kann bis 10 oder mehr zählen ohne allerdings mehr als eine Aneinanderreihung mit einem Rhythmus dahinter zu erkennen.
Der Ordnungszahlaspekt wird bald erweitert indem das Kind eine Eins-zu-Eins Zuordnung der Zahlwörter mit Gegenständen/Objekten/Fingern erlernt. Hier kann schon die erste Fehlerquelle lauern, da die Eins-zu-Eins Zuordnung nicht konsequent umgesetzt wird und beispielsweise Objekte mehrmals für eine Ziffer gezählt werden. Das zählende Rechnen ist hier besonders zu erwähnen, da die meisten Kindern die ersten Additionen durch Weiterzählen an der Hand lösen. Dies ist ein sehr wichtiger Lernschritt und ermöglicht dem Kind zum ersten Mal die Entdeckung der Mathematik und des Rechnens. Das Kind kann so auch bestimmte Regelmäßigkeiten entdecken, wenn es darauf aufmerksam gemacht wird oder es selbst entdeckt, so zum Beispiel , dass jede Hand 5 Finger hat und an beiden Händen gleich viele Finger sind.
Nach der ersten Klasse wird das zählende Rechnen von einer angemessenen und sinnvollen, effektiven Lernstrategie allerdings zu einer Gefahr für den zunehmenden Schulerfolg, da nun nämlich der Kardinalzahlaspekt wichtiger wird.
Im Zahlenraum bis Hundert wird das zählende Rechnen langsam vom Rechnen mit Mengen abgelöst. Der Zehnerübergang erfordert dies zunehmen. Das Kind muss gelernt haben, dass eine Zahl auch eine Menge die in mehrere Teilmengen unterschieden werden kann, und dass eine Menge von Objekten von jeder Seite aus gezählt die gleiche Menge ist. Die „5“ ist also nicht nur der kleine Finger, sondern auch der Daumen und vor allem die ganze Hand! Hat ein Kind dies nicht verstanden, wird es Probleme haben Rechnungen zu begreifen.

An diesem Punkt muss Förderung nun ansetzen!

Ansätze für die Förderung

Da das Kind lernen muss von der zählenden Verwendung der Finger wegzukommen, liegt es nahe, dass Abzählen am Finger einfach zu erbieten. Dies wird von vielen Autoren (unter anderem Schipper) nicht für nützlich gehalten. Das Kind solle vielmehr lernen, das konkrete Objekt „Finger“ zu mentalisieren, sich also vorzustellen. Dazu ist es beispielsweise eine von Schipper vorgeschlagene Methode die Finger zwar zu nutzen, aber unter einem Tuch oder einer Stellwand zu verstecken und so Rechenaufgaben laut zu rechnen. Als zusätzliches Hilfsangebot ist auch das Hunderterfeld gut nutzbar, da es eine Strukturierung im Dezimalsystem vorgibt und ermöglicht einen Sinn in dem Rechnen mit Zehnern und Einern zu erkennen. Dem Kind wird also nicht sein wichtigstes Instrument sofort genommen, sondern ein Weg aufgezeigt sich selbstbestimmt davon zu lösen und ein nützliches Instrument gegeben um seine Rechnungen ikonisch nachzuvollziehen.
Bei der weiteren Förderung ist zu beachten, dass die Loslösung von etablierten, bekannten Lösungsstrategien eine gewisse Zeit und Übung braucht. Der Mathematikunterricht sollte zudem auf das zeigen, was das Kind gut und richtig gemacht hat und Fehler nicht nur anzukreiden, sondern eine Perspektive für eine Verbesserung aufzeigen. Für Eltern ist es wichtig zu wissen, dass eine Förderung „auf eigene Faust“ das Kind möglicherweise verwirrt, und die Lösungsstrategien der Eltern nicht die sind, die der Lehrer zur Zeit einübt. Mathematiklehrer sind aber im Allgemeinen sehr kompetent darin dem Kind funktionierende Strategien zu vermitteln und die Eltern sollten nicht „ihre, richtigen“ durchsetzen, weil sie die des Lehrers nicht verstehen/gutheißen.

Verfestigte ineffektive Lösungsstrategien sind also schwierig zu verändern, aber es besteht eine gut Chance, bei ausreichend Zeit und Hilfe.

3 Responses to Förderung bei Rechenschwäche

  1. Fred Steeg says:

    viele Eltern und LehrerInnen stellen sich unter Rechenschwäche eine Krankheit vor. Das ist sie aber nicht. Insofern kann man sie auch nicht diagnostizieren im Sinn von ja oder nein. Den Begriff Rechenschwäche gibt es nur deshalb, weil es in der Schule als Abweichung betrachtet wird bzw. mancher es so betrachten will, wenn man große Schwierigkeiten mit dem Rechnen hat. Für viele Leute sind Zahlen und Rechnen so selbstverständlich, dass sie bei Schwierigkeiten im Bereich Mathematik dann nach Gründen außerhalb des mathematischen Denkens und Lernens suchen. Die Kinder werden in der Folge nicht mehr oder falsch gefördert.

    Ein Intelligenztest wird keine Sicherheit stiften. Hinterher ist man genauso schlau wie vorher. Wenn der Intelligenztest die Rechenschwäche bestätigt, was dann? Am besten ist es zunächst einmal, die Schule würde es einfach lassen, das Kind mit Rechenaufgaben zu dransalieren, deren begriffliche Grundlage bei dem Kind einfach nicht vorhanden ist. Verstehen kann man nicht üben! Das leuchtet sogar noch jedem Lehrer ein. Trotzdem empfehlen die meisten von ihnen: üben, üben, üben!

    Eine vernünftige Vorgehensweise wäre die, erst mal durch eine eingehende Förderdiagnostische Untersuchung (Lernstandsanalyse) genau abzuklären, was das Kind in Mathe verstanden hat und was nicht! Das ist eigentlich etwas, was jede LehrerIn können sollte, wo aber der Irrtum besteht, das wäre durch die Benotung oder einen Vergleichstest (z.B.VERA) schon geleistet. Wie soll ich durch das Abzählen von Fehlern und vergleichen mit der Anzahl von Fehlern anderer Schüler jemals herausbekommen, was ein bestimmter Schüler verstanden hat und wie er welche Fehler macht, welche eigenen Strategien er anwendet usw. ? Dafür braucht man ein individuelles diagnostisches Interview. Solche Untersuchungen werden auch von einigen Privatinstituten angeboten. Man sollte aber immer genau hinschauen, ob das dann auch wirklich mehr ist als eine Checklistendiagnose. Eine gute Untersuchung dauert mindestens zwei Stunden und soll herausfinden, wo im Bereich des mathematischen Denkens erhebliche Defizite bestehen und welche individuellen Irrtümer und Holzwege vorhanden sind.

    Knol-Google-Artikel dazu:

    http://knol.google.com/k/rechenschw%C3%A4che-informationen-und-hinweise-zur-sogenannten-dyskalkulie#

    Gruß Fred Steeg (Rechenschwächetherapeut)

  2. Fabian Piotrowski says:

    Hallo Herr Steeg,

    ich stimme Ihren Ausführungen in jedem Falle zu. In meinem Artikel ging es darum bestimmte Vorgehensweisen darzustellen. Ich bin der festen Meinung, dass eine genaue Prozessanalyse beim Lösen von Aufgaben in jedem Fall zu den besten Grundlagen für eine Förderung führt. Rechenschwäche ist sicher auch ein Kunstbegriff, aber aus dem bekannten Etikettierungsdilemma bleibt uns nichts anderes übrig bestimmte Formen von Lernverhalten zu benennen.
    Ich halte ein rein standarisiertes Vorgehen für wenig hilfreich und würde standarisierte Tests nur nehmen um aus einer Gruppe die man nicht gut kennt die schwachen Rechner herauszufischen. Dies kann und darf nur der erste Schritt sein.

    Gruß Fabian Piotrowski

  3. Fred Steeg says:

    Hallo Herr Piotrowski,

    vollkommen richtig, was Sie da schreiben.

    Den Begriff Rechenschwäche verwende ich deshalb, weil man sich darunter etwas Praktisches vorstellen kann: nichts (fast nichts) von Mathe verstanden zu haben! Umso wichtiger ist es, der Ideologie von der “Krankheit Rechenschwäche” entgegenzutreten. Was Sie Prozessanalyse nennen, nenne ich Lernstandsanalyse, denn inwieweit ich die Mängel im Wissen “prozesshaft” analysiere oder “einfach nur individuell die Irrwege der Kinder erkläre” halte ich für diagnostisch nachrangig. Allerdings halte ich auch nichts davon, die Rechenwege getrennt von den mathematischen Begriffen zum Knackpunkt zu erklären. Einen Rechenweg habe ich nur dann verstanden, wenn mir der mathematische Gegenstand und viele allgemeine sprachliche Voraussetzungen dafür, klar sind: z.B. Menge, Zahl, Unterschied, Größe, Eigenschaft, Einheit, Wert, Gleichheit, Stelle, Ziffer, Zeichen, Bedeutung, Zerlegung, Teil, Ganzes, Reihe, Ordnung, Zuordnung, Verhältnis usw. – lauter abstrakte Begriffe mit denen ich umzugehen lernen muß, wenn Rechenwege überhaupt Sinn machen sollen.

    Warum in der Schule der Anfang der ganzen Misere zu finden ist, habe ich in einem Artikel vor einigen Jahren im ZDM versucht aufzuschreiben:

    http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/zdm.html

    In einer für Eltern (im Abaküsschen/IFRK-e.V.) verständlicheren Form finden Sie die meisten Argumente auch unter:

    http://www.ifrk-ev.de/content/steeg.htm

    Gruß Fred Steeg

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