Armut bei Kindern

Kinderarmut in Deutschland?

In der aktuellen Integrationsdebatte, befeuert durch Polemiken, wird oft über nicht integrierte Menschen gesprochen. Diese hätten keine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und wollten dies auch nicht. Ist diese Debatte tatsächlich eine Debatte über Migration und Integration oder werden nicht eher schichtbezogene Probleme angesprochen?

Armut ist ein Thema, welches in der Gesellschaft oft nur unter der Überschrift „Hartz IV“ besprochen wird und dies auch häufig besonders ressentimentgeladen. Armut ist sehr häufig die Folge einer geringen Bildung. So sind nur circa 4% aller Akademiker, aber 20% aller ungelernten arbeitslos und damit meist arm. Die Akademikerquote ist dabei besonders stabil, egal wie groß die Menge der Akademiker in den letzten Jahren gewachsen ist. Bei den ungelernten zeigen sich erhebliche Schwankungen, je nach der wirtschaftlichen Lage in der Bundesrepublik.

Welche Folgen hat Armut?

Wenn man von Integration als Teilhabe an der Gesellschaft spricht, dann ist deutlich, dass arme Menschen diese Teilhabe oft nicht haben. Mag man auch zynisch sagen: „Wer arm ist, hat selber Schuld, weil er sich nicht angestrengt hat.“, so ist diese Perspektive schwerlich auf Kinder zu übertragen. Kinder sind in hohem Maße von ihren Eltern abhängig, finanziell, emotional und auch die Bildung der Eltern bestimmt das Leben der Kinder.

Wie kann es sein, dass die Armut der Eltern auch die Bildungschancen der Kinder bedrohen? Das dies der Fall ist, ist schon lange bekannt, doch spätestens die PISA Studie 2001 hat darauf mit Datenmaterial hingewiesen. In Deutschland sind die sogenannten „Herkunftsbedingten Disparitäten“ sehr deutlich ausgeprägt, sowohl was ethnische, als auch was soziale Herkunft angeht. Szydlik beschreibt in seinem Artikel im „Handbuch Familie“ auf Seite 84, dass beispielsweise türkisch- oder kurdischsprachige Familien in Deutschland einen besonders niedrigen Sozialstatus haben.

Besonderes bei armen Familien

Arme Familien zeigen verschiedene Besonderheiten auf. Zum Einen wird beschrieben, dass der Status von Eltern auf ihre Kinder abfärbt und ein Stück weit übertragen wird. Bordieu schreibt zum Beispiel über „soziales Kapital“ im Sinne von Beziehungen, Meinungen und Bildungsabschlüssen, welche den Status eines Individuums in der Gesellschaft bestimmen. Dieser Vorgang kann als „kulturelle Transferbeziehung“ bezeichnet werden (zu finden bei Zinnecker im Handbuch Familie).

Der Vorgang der Übertragung von kulturellen Ressourcen funktioniert auch bei negativen „Gütern“, so sind Suchterfahrungen, Erfahrungen von Gewalt und Traumata durchaus dazu geeignet das Familienklima indirekt zu beeinflussen und dem Nachwuchs zu schaden. Süchte sind zum Beispiel durchaus ein Problem, welches sich durch ganze Familiegeschichten zieht.

Ein weiterer Punkt, der Kinder abhängig von ihren Eltern macht, ist die geringere Möglichkeit bei Hausaufgaben zu helfen. Eltern die selbst einen niedrigen oder keinen Bildungsabschluss haben sind häufig mit geforderter Mitarbeit über Hausaufgaben überfordert. Kommt dazu noch eine nachteilige Lesesozialisation (wenig Bücher, viel Fernsehkonsum) wirkt sich dies bereits auf die ersten Grundschuljahre sehr negativ aus.

Erziehungsunterschiede

Beobachten lässt sich auch ein besonderes Erziehungsverhalten bei sozial niedrigeren Schichten beobachten. Beispielsweise wird in Lehrerbefragungen deutlich, dass Eltern aus niedrigeren Sozialschichten eher Wert auf Gehorsam und Disziplin setzen und dies auch beim Lehrer einfordern. Eltern aus der Mittelschicht setzen dagegen eher auf selbstständiges, kritisches Denken, auch und gerade bei Institutionen wie der Schule. Die Auseinandersetzung von Eltern mit diesen Institutionen gestaltet sich auch dementsprechend. Eltern aus Armutslage sind eher bereit Vorschläge umzusetzen, erwarten gleichzeitig auch genaue Handlungsanweisungen. Mittelschichtseltern werden eher dem Lehrer Hinweise geben und die eigene Kompetenz stärker betonen.

Daraus ergibt sich auch , dass Mittelschichtseltern eher eine höhere Beschulung ihrer Kinder bereit sind durchzusetzen, als es Eltern in Armut sind. Neubauer beschreibt eine „affektive Distanz“ von Unterschichtseltern gegenüber dem Gymnasium, teils, weil der erfolgreiche Abschluss des Gymnasiums in dieser Schicht extrem selten zu finden ist und die Institution dementsprechend unbekannt ist. Es werden eher Schulformen gewählt, die aus eigener Erfahrung bekannt sind, also Hauptschulen und in gewissen Teilen auch Realschulen. Zugleich ist die eigene Erfahrung er Eltern mit schulischen Institutionen oft nicht besonders positiv, was zu einer Abwertung der Institutionen führen kann.

Gesellschaftliche und/oder institutionelle Diskriminierung?

Die oben genannten Punkte zeigen deutlich, dass die spezielle Struktur von armen Familien dem Kind einen Nachteil mitgeben, zusätzlich werden aber noch Effekte sichtbar, die als Reaktion der Gesellschaft auf die Armut des Kindes zu gelten haben.

So ist in verschiedenen Untersuchungen gezeigt worden, dass Kinder aus „Problemfamilien“ schlechtere Noten bei gleicher Leistung bekommen. Es ist deutlich, dass eine objektive Benotung nicht existiert. Dies ist in dem Sinne ein großes Problem, als das die Schule in hohem Maße über spätere Lebenschancen entscheidet. In unserer an der Marktwirtschaft orientierten Gesellschaft, soll allein Leistung über die gesellschaftliche Position bestimmen. Leistung ist schwierig genug zu definieren und noch schwieriger zu messen, allerdings zeigt sich deutlich, dass es gerade in Schule an ausreichenden Kriterien mangelt. Schule muss allerdings selektieren um anderen Funktionssystemen der Gesellschaft einen Hinweis auf die individuelle Leistungsfähigkeit eines Individuums geben zu können. Eine Beurteilung nach Herkunft, wie sie teils geschieht, erinnert an den Grund, warum Schulen gegründet wurden, nämlich um Positionen in der Gesellschaft sinnvoll und effektiv zu besetzen und nicht irgendeinen adligen Knaben zu nehmen, da sein Vater Baron ist.

Herkunft und Schulsystem

Wie kann also verhindert werden, dass das Leistungsprinzip in Schule und daraufhin in der Gesellschaft so extrem konterkariert wird? Die Vorteile die Kinder von Akademikern haben, kann man und soll man ihnen natürlich nicht nehmen. Allerdings zeigen unter anderem die PISA-Ergebnisse, dass die frühe Aufteilung der Schüler die Unterschiede zwischen Kindern vergrößert. Zudem haben die Ergebnisse auch gezeigt, dass auch die Kompetenzen der „normalen“ Schüler unter dem OECD Durchschnitt liegen. Sie zeigten auch, dass dort, wo die Herkunftseffekte recht niedrig waren, die Leistungen auch und gerade in der Spitze der Leistungsskala wesentlich besser waren. Es scheint also, dass die gemeinsame Beschulung in heterogenen Lerngruppen dazu führt, dass  die gesamte Schülerschaft positiv beeinflusst und einen hohen Ausbildungsstand befördert. Warum diese, kaum zu bestreitenden, positiven Effekte einer verlängerten Schulzeit nicht auch den Hamburger Volksentscheid beeinflusst haben und gerade Eltern von besonders leistungsstarken Schülern nicht überzeugt haben, ist in diesem Kontext kaum zu verstehen.

Fazit

Sicher ist allerdings, dass herkunftsbedingte Effekte kaum auszuschalten, sondern nur zu mindern sind. Der Gewinn, der daraus für die Kinder armer Eltern entsteht und die positiven Effekte, die es auch für Kinde reicherer Eltern nach sich zieht, ist kaum zu hoch einzuschätzen.

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